Leseprobe

aus

 

 

Alexander Hunziker

 

Spass am

Ökonomischen Denken

 

 

Die wichtigsten Konzepte

einfach erklÄrt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Ökonomisches Denken: Was ist das?

22. Moral Hazard: Warum Versicherungen schlecht sind

29. Übungsfragen

 

 


1. Ökonomisches Denken: Was ist das?

 

Was würden Sie tun, wenn Sie auf einer menschenleeren Strasse eine Hundert-Franken-Note auf dem Boden liegen sehen? - Mag sein, dass Ihnen Gedanken durch den Kopf gehen wie "Ist das eine Falle?", "Wo ist die versteckte Kamera?" und so weiter. Aber würden Sie es ausschliessen, dieses hübsche Papierstückchen aufzuheben und einzustecken? - Aus ökonomischer Warte lautet die Frage nicht, was Sie tun würden, sondern, was würde irgend ein Mensch tun, der in "gesundem Mass egoistisch und nicht dumm" ist.

Diese Frage ist so zentral, dass die Ökonomen diesem Menschen einen Übernahmen gegeben haben. Zwar hätten Sie ihn auch Jack oder Freddy nennen können, aber das war ihnen zu einfach, sie nannten ihn Homo Oeconomicus, das ist lateinisch und klingt viel gescheiter. Diesen Homo Oeconomicus hat nie jemand gesehen, da er eine Abstraktion ist. Was man von ihm weiss ist lediglich, dass er eben in gesundem Mass egoistisch ist und nicht dumm. Da diese Eigenschaften beide gleichzeitig zutreffen müssen, genügt auch ein einziger Ausdruck: rational.

 

Im obigen Beispiel würde unser Homo Oeconomicus die Hunderternote sicher aufheben und das heisst, dass wenn Sie das auch tun würden, dann sind Sie rational (Bravo!).

 

Vielleicht weckt der Ausdruck "rational" bei Ihnen nicht so viele positive Assoziationen wie bei einem Ökonomen. Vielleicht denken Sie manchmal: "Warum auch immer so rational sein, Dummheiten machen doch viel mehr Spass!" - Nun, die Erfahrung dürfte Ihnen nicht fremd sein, dass wenn die Dummheit einmal begangen ist, die Welt eben anders aussieht. Und warum sieht die Welt anders aus? Weil Sie nicht unendlich viel Geld haben, um Bussen zu zahlen, weil Sie nicht unendlich viel Zeit haben, um sich langweilige Kinofilme anzusehen, weil Sie nicht unendlich viele Nerven haben, sich mit ihren wütenden Nachbarn herumzuärgern. Diese Tatsache nennt der Ökonom schlicht Knappheit. Wenn Sie es sich genau überlegen, merken Sie, dass eigentlich alles, was Spass macht, knapp ist: Honigbrote, gute Kinofilme, Karibikferien usw. Und was macht man in so einer Situation? Man probiert, mit dem was man hat, das Beste zu machen: Man optimiert. Und genau mit diesem Prozess, wie Menschen mit Dingen umgehen, die nicht im Überfluss vorhanden sind (wie beispielsweise Hunderternoten auf menschenleeren Strassen),  damit befasst sich die Ökonomie. Wie erwähnt unter der Annahme von Rationalität. - Oder anders gesagt:

Ökonomie ist die Frage danach, wie Menschen, soweit sie rational sind, mit knappen Mitteln umgehen.

 

Wenn Sie die obigen Zeilen verstanden haben, so haben Sie den zentralen Kern der Ökonomie begriffen. Der Grund, warum Sie vielleicht doch noch weiterlesen sollten, ist, dass aus diesem Kern ganz interessante Pflänzchen spriessen und dieses Spriessen, dieses systematische Ableiten aus wenigen Grundannahmen, dies ist das ökonomische Denken. Wie Sie gleich sehen werden, ist auch das keine Hexerei, aber es braucht eine gewisse Übung, in praktischen Problemen die Ansatzpunkte für die ökonomischen Konzepte zu erkennen. Dieses kleine Werk will Ihnen zeigen, wie die Welt durch die Brille des Ökonomen aussieht. Am Ende sollten Sie in der Lage sein, Probleme selbstständig ökonomisch zu analysieren.

Falls Sie nun finden, der ökonomische Ansatz sei ein bisschen gar einfach erklärt worden, dann haben Sie recht. Deshalb wird in einem späteren Kapitel (nämlich Nummer 6) dieses Thema nochmals aufgenommen.

 

In einem einzigen Punkt ist Vorsicht geboten, wenn Sie trainieren, die Welt durch die ökonomische Brille zu sehen: Denken Sie bitte daran, hin und wieder zu testen, ob Sie in der Lage sind, diese Brille auch wieder auszuziehen. Wenn nicht, sollten Sie dieses Buch sofort weglegen und entweder einen Psychiater konsultieren oder Professor für Ökonomie werden.

 

Ökonomie ist die Wissenschaft von der optimalen Verwendung knapper Ressourcen.

 


22.  Moral Hazard: Warum Versicherungen schlecht sind

 

   Geben Sie sich für ein paar Augenblicke der zauberhaften Vorstellung hin, Sie besässen im Kanton Wallis in irgend einem abgelegenen Bergdorf ein kleines Holzchalet. Sie haben eben ein paar wundervolle Tage dort verbracht und sind jetzt im Auto auf der Rückreise. Da auf einmal sind Sie nicht mehr ganz sicher, ob Sie die Kerzen auf dem Stubentisch vor der Abreise gelöscht haben. Die Frage ist, kehren Sie um oder nicht?

 

Oder präziser gefragt: Wovon hängt es ab, ob Sie umkehren oder nicht? - Richtig, es hängt von den Alternativen ab: Was können Sie sonst noch unternehmen, ausser zurückzufahren, um Ihr schönes Häuschen zu retten? - Lassen Sie mich deshalb nochmals anders Fragen: Könnte es eine Rolle spielen, ob ihr Haus versichert ist oder nicht? - Aha, es könnte eine Rolle spielen.

Ökonomen glauben, dass Leute zu versicherten Dingen weniger Sorge tragen als zu nicht versicherten. Und diese Tatsache nennen sie Moral Hazard. Warum ein englisches Wort? Wenn Sie wollen, dürfen Sie selbstverständlich auch einfach "Moralisches Wagnis" sagen, aber das klingt halt irgendwie schwerfällig.

Warum glauben Ökonomen solch Schreckliches von den Menschen? Nun, wenn man versichert ist, dann hat man weniger Ärger, wenn etwas passiert - sonst würde man sich ja gar nicht versichern. Wenn man weniger Ärger hat im Schadenfall, dann hat man auch weniger Anreize, den Schaden abzuwenden.

 

Gewisse Leute wenden ein, die Menschen seien doch von Grund auf ehrlich. Sie würden die Versicherung niemals betrügen (bis auf ein paar ganz wenige, verabscheuenswürdige Ausnahmen) und deshalb genau gleich sorgfältig mit versicherten Dingen umgehen wie mit nicht versicherten. Und jetzt kommt der springende Punkt: Ökonomen streiten dies nicht einmal ab. Sie sagen bloss: Je teurer es wird, ehrlich zu sein, desto weniger Leute werden ehrlich sein. (Haben Sie gemerkt, dass ich einfach das Nachfragegesetz von den Tomaten aus Kapitel 2 auf die Ehrlichkeit übertragen habe?)

 

   Ihre Bank schickt Ihnen irrtümlicherweise eine Gutschrift von einer Million Franken.

 

Verhalten Sie sich nun ehrlich - oder einfach nur rational? Welche guten Gründe gibt es, den Fehler sofort zu melden?

   Sie könnten für Ihre Ehrlichkeit eine Belohnung bekommen.

   Sie könnten für die Nichtmeldung dieser Fehlbuchung bestraft werden.

   Die Bank wird den Fehler sowieso bald entdecken - aber Sie können sich als den Ehrlichen bei Freunden aufspielen (immerhin etwas!).

   Wenn Sie das Geld abheben und auf die Bahamas verschwinden wollten, dann könnte die Polizei Sie am Flughafen vielleicht noch abfangen und Sie bekämen viel Ärger.

Würden Sie in diesem Fall also den Fehler sofort melden, dann ist dies keine diskriminierende Evidenz! (Erinnern Sie sich noch an Kapitel 3?) Wann wären Sie dann wirklich ehrlich? - Wenn Sie sicher sind, dass niemand den Fehler entdecken wird und wenn doch, dass man Sie nicht bestrafen würde und Sie die Million zurückgeben, dann sind Sie ehrlich. Ökonomen würden sagen: nicht rational. Andere würden sagen: ein Idiot!

 

Glauben Sie an Moral Hazard? - Wenn Sie Evidenz wollen, dann können Sie wissenschaftliche Studien lesen. Sie können sich aber auch eine ganz andere Frage stellen: Wenn es Moral Hazard gibt, wie müssten die Versicherungsgesellschaften darauf reagieren?

Sie müssten versuchen, die Versicherten an den Kosten eines Schadens teilhaben zu lassen. Natürlich nicht vollkommen, aber ein bisschen. Und wie könnte man das tun? Man könnte einen Selbstbehalt vereinbaren. Oder man kann ein Bonussystem erfinden, das Anreize schafft, lange Zeit ohne Schaden zu bleiben. Oder man kann eine Null-Promille-Klausel in den Haftpflichtvertrag für Autolenker aufnehmen, sodass die Versicherung schon bei geringstem, nicht strafbarem Alkoholisierungsgrad eines fehlbaren Lenkers ihre Leistungen drastisch kürzen darf. Und weil es all diese Vertragsklauseln gibt, die keinen Sinn machten, wenn alle Leute "ehrlich" wären, scheint Moral Hazard im Grossen und Ganzen ein recht unbestrittenes Phänomen zu sein. (Dies waren Beispiele für "casual evidence".)

 

Die Behauptung im Titel, Versicherungen seien schlecht, ist sicher etwas provokativ. Versicherungen sind gut: Sie produzieren Sicherheit. Und wenn es keine Kartellabsprache gäbe, dann wäre der Versicherungsmarkt vielleicht sogar effizient. Aber die Versicherungen produzieren nicht nur Sicherheit, sie produzieren auch "sorglosen Umgang mit wertvollen Gütern", und darauf will der Titel hinweisen.

 

Moral Hazard bedeutet: Mit versicherten Sachen geht man weniger sorgfältig um als mit nicht versicherten.


29. Übungsfragen

 

 

1.   In Japan ist die Wohnfläche pro Kopf viel geringer als in der Schweiz. Jemand sagt, dass die Japaner eben eine ganz andere Wohnkultur hätten, welche für diese Tatsache verantwortlich sei. Was meinen Sie?

 

2.   Auf einer von der Umwelt abgeschotteten, aber bewohnten Insel stranden 40 Schiffbrüchige. Was passiert mit den Lebensmittelpreisen?

 

3.   Auf die Produktion von Autos wird eine Steuer erhoben von Fr. 1000.- pro Auto. Was passiert mit den Autopreisen? Zeichnen Sie eine Grafik.

 

4.   Alle Autoproduzenten müssen Fr. 1 Mio. mehr Steuern bezahlen, unabhängig von ihrer Produktionsmenge.

      Was passiert mit den Autopreisen? Was passiert mit der Anzahl Autoproduzenten?

 

5.   Die Bundesverwaltung überlegt, ob sie eine Schwerverkehrsabgabe - welche den Schwerverkehr eindämmen soll - pro Fahrzeug oder pro gefahrenen Lastwagen-Kilometer erheben soll. Was empfehlen Sie?

 

 

 

Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen sind im Buch abgedruckt.