aus
1. Ökonomisches Denken: Was ist das?
22. Moral Hazard: Warum Versicherungen schlecht sind
29. Übungsfragen
Was würden
Sie tun, wenn Sie auf einer menschenleeren Strasse eine Hundert-Franken-Note
auf dem Boden liegen sehen? - Mag sein, dass Ihnen Gedanken durch den Kopf
gehen wie "Ist das eine Falle?", "Wo ist die versteckte Kamera?"
und so weiter. Aber würden Sie es ausschliessen, dieses hübsche Papierstückchen
aufzuheben und einzustecken? - Aus ökonomischer Warte lautet die Frage nicht,
was Sie tun würden, sondern, was würde irgend ein Mensch tun, der in "gesundem
Mass egoistisch und nicht dumm" ist.
Diese Frage
ist so zentral, dass die Ökonomen diesem Menschen einen Übernahmen gegeben
haben. Zwar hätten Sie ihn auch Jack oder Freddy nennen können, aber das war
ihnen zu einfach, sie nannten ihn Homo Oeconomicus, das ist lateinisch
und klingt viel gescheiter. Diesen Homo Oeconomicus hat nie jemand gesehen, da
er eine Abstraktion ist. Was man von ihm weiss ist lediglich, dass er eben in gesundem
Mass egoistisch ist und nicht dumm. Da diese Eigenschaften beide gleichzeitig
zutreffen müssen, genügt auch ein einziger Ausdruck: rational.
Im obigen
Beispiel würde unser Homo Oeconomicus die Hunderternote sicher aufheben und das
heisst, dass wenn Sie das auch tun würden, dann sind Sie rational (Bravo!).
Vielleicht
weckt der Ausdruck "rational" bei Ihnen nicht so viele positive
Assoziationen wie bei einem Ökonomen. Vielleicht denken Sie manchmal:
"Warum auch immer so rational sein, Dummheiten machen doch viel mehr
Spass!" - Nun, die Erfahrung dürfte Ihnen nicht fremd sein, dass wenn die
Dummheit einmal begangen ist, die Welt eben anders aussieht. Und warum sieht
die Welt anders aus? Weil Sie nicht unendlich viel Geld haben, um Bussen zu
zahlen, weil Sie nicht unendlich viel Zeit haben, um sich langweilige Kinofilme
anzusehen, weil Sie nicht unendlich viele Nerven haben, sich mit ihren wütenden
Nachbarn herumzuärgern. Diese Tatsache nennt der Ökonom schlicht Knappheit.
Wenn Sie es sich genau überlegen, merken Sie, dass eigentlich alles, was Spass
macht, knapp ist: Honigbrote, gute Kinofilme, Karibikferien usw. Und was macht
man in so einer Situation? Man probiert, mit dem was man hat, das Beste zu machen:
Man optimiert. Und genau mit diesem Prozess, wie Menschen mit Dingen
umgehen, die nicht im Überfluss vorhanden sind (wie beispielsweise
Hunderternoten auf menschenleeren Strassen),
damit befasst sich die Ökonomie. Wie erwähnt unter der Annahme von Rationalität.
- Oder anders gesagt:
Ökonomie
ist die Frage danach, wie Menschen, soweit sie rational sind, mit knappen
Mitteln umgehen.
Wenn Sie
die obigen Zeilen verstanden haben, so haben Sie den zentralen Kern der
Ökonomie begriffen. Der Grund, warum Sie vielleicht doch noch weiterlesen
sollten, ist, dass aus diesem Kern ganz interessante Pflänzchen spriessen und
dieses Spriessen, dieses systematische Ableiten aus wenigen Grundannahmen, dies
ist das ökonomische Denken. Wie Sie gleich sehen werden, ist auch das
keine Hexerei, aber es braucht eine gewisse Übung, in praktischen Problemen die
Ansatzpunkte für die ökonomischen Konzepte zu erkennen. Dieses kleine Werk will
Ihnen zeigen, wie die Welt durch die Brille des Ökonomen aussieht. Am Ende
sollten Sie in der Lage sein, Probleme selbstständig ökonomisch zu analysieren.
Falls Sie
nun finden, der ökonomische Ansatz sei ein bisschen gar einfach erklärt worden,
dann haben Sie recht. Deshalb wird in einem späteren Kapitel (nämlich Nummer 6)
dieses Thema nochmals aufgenommen.
In einem
einzigen Punkt ist Vorsicht geboten, wenn Sie trainieren, die Welt durch die
ökonomische Brille zu sehen: Denken Sie bitte daran, hin und wieder zu testen,
ob Sie in der Lage sind, diese Brille auch wieder auszuziehen. Wenn nicht,
sollten Sie dieses Buch sofort weglegen und entweder einen Psychiater
konsultieren oder Professor für Ökonomie werden.
Ökonomie ist die Wissenschaft von der optimalen
Verwendung knapper Ressourcen.
• Geben
Sie sich für ein paar Augenblicke der zauberhaften Vorstellung hin, Sie
besässen im Kanton Wallis in irgend einem abgelegenen Bergdorf ein kleines
Holzchalet. Sie haben eben ein paar wundervolle Tage dort verbracht und sind
jetzt im Auto auf der Rückreise. Da auf einmal sind Sie nicht mehr ganz sicher,
ob Sie die Kerzen auf dem Stubentisch vor der Abreise gelöscht haben. Die Frage
ist, kehren Sie um oder nicht?
Oder
präziser gefragt: Wovon hängt es ab, ob Sie umkehren oder nicht? - Richtig, es
hängt von den Alternativen ab: Was können Sie sonst noch unternehmen, ausser
zurückzufahren, um Ihr schönes Häuschen zu retten? - Lassen Sie mich deshalb
nochmals anders Fragen: Könnte es eine Rolle spielen, ob ihr Haus versichert
ist oder nicht? - Aha, es könnte eine Rolle spielen.
Ökonomen
glauben, dass Leute zu versicherten Dingen weniger Sorge tragen als zu nicht
versicherten. Und diese Tatsache nennen sie Moral Hazard. Warum ein
englisches Wort? Wenn Sie wollen, dürfen Sie selbstverständlich auch einfach
"Moralisches Wagnis" sagen, aber das klingt halt irgendwie
schwerfällig.
Warum
glauben Ökonomen solch Schreckliches von den Menschen? Nun, wenn man versichert
ist, dann hat man weniger Ärger, wenn etwas passiert - sonst würde man sich ja
gar nicht versichern. Wenn man weniger Ärger hat im Schadenfall, dann hat man
auch weniger Anreize, den Schaden abzuwenden.
Gewisse
Leute wenden ein, die Menschen seien doch von Grund auf ehrlich. Sie würden die
Versicherung niemals betrügen (bis auf ein paar ganz wenige,
verabscheuenswürdige Ausnahmen) und deshalb genau gleich sorgfältig mit versicherten
Dingen umgehen wie mit nicht versicherten. Und jetzt kommt der springende
Punkt: Ökonomen streiten dies nicht einmal ab. Sie sagen bloss: Je teurer es
wird, ehrlich zu sein, desto weniger Leute werden ehrlich sein. (Haben Sie
gemerkt, dass ich einfach das Nachfragegesetz von den Tomaten aus Kapitel 2 auf
die Ehrlichkeit übertragen habe?)
• Ihre
Bank schickt Ihnen irrtümlicherweise eine Gutschrift von einer Million Franken.
Verhalten
Sie sich nun ehrlich - oder einfach nur rational? Welche guten Gründe gibt es,
den Fehler sofort zu melden?
• Sie
könnten für Ihre Ehrlichkeit eine Belohnung bekommen.
• Sie
könnten für die Nichtmeldung dieser Fehlbuchung bestraft werden.
• Die
Bank wird den Fehler sowieso bald entdecken - aber Sie können sich als den Ehrlichen
bei Freunden aufspielen (immerhin etwas!).
• Wenn
Sie das Geld abheben und auf die Bahamas verschwinden wollten, dann könnte die
Polizei Sie am Flughafen vielleicht noch abfangen und Sie bekämen viel Ärger.
Würden Sie
in diesem Fall also den Fehler sofort melden, dann ist dies keine
diskriminierende Evidenz! (Erinnern Sie sich noch an Kapitel 3?) Wann wären Sie
dann wirklich ehrlich? - Wenn Sie sicher sind, dass niemand den Fehler
entdecken wird und wenn doch, dass man Sie nicht bestrafen würde und Sie die
Million zurückgeben, dann sind Sie ehrlich. Ökonomen würden sagen: nicht
rational. Andere würden sagen: ein Idiot!
Glauben Sie
an Moral Hazard? - Wenn Sie Evidenz wollen, dann können Sie wissenschaftliche
Studien lesen. Sie können sich aber auch eine ganz andere Frage stellen: Wenn
es Moral Hazard gibt, wie müssten die Versicherungsgesellschaften darauf
reagieren?
Sie müssten
versuchen, die Versicherten an den Kosten eines Schadens teilhaben zu lassen.
Natürlich nicht vollkommen, aber ein bisschen. Und wie könnte man das tun? Man
könnte einen Selbstbehalt vereinbaren. Oder man kann ein Bonussystem erfinden,
das Anreize schafft, lange Zeit ohne Schaden zu bleiben. Oder man kann eine
Null-Promille-Klausel in den Haftpflichtvertrag für Autolenker aufnehmen,
sodass die Versicherung schon bei geringstem, nicht strafbarem
Alkoholisierungsgrad eines fehlbaren Lenkers ihre Leistungen drastisch kürzen
darf. Und weil es all diese Vertragsklauseln gibt, die keinen Sinn machten,
wenn alle Leute "ehrlich" wären, scheint Moral Hazard im Grossen und
Ganzen ein recht unbestrittenes Phänomen zu sein. (Dies waren Beispiele für
"casual evidence".)
Die
Behauptung im Titel, Versicherungen seien schlecht, ist sicher etwas
provokativ. Versicherungen sind gut: Sie produzieren Sicherheit. Und wenn es
keine Kartellabsprache gäbe, dann wäre der Versicherungsmarkt vielleicht sogar
effizient. Aber die Versicherungen produzieren nicht nur Sicherheit, sie
produzieren auch "sorglosen Umgang mit wertvollen Gütern", und darauf
will der Titel hinweisen.
Moral Hazard bedeutet: Mit versicherten Sachen geht man weniger
sorgfältig um als mit nicht versicherten.
1. In Japan ist die Wohnfläche pro Kopf viel
geringer als in der Schweiz. Jemand sagt, dass die Japaner eben eine ganz
andere Wohnkultur hätten, welche für diese Tatsache verantwortlich sei. Was
meinen Sie?
2. Auf einer von der Umwelt abgeschotteten, aber
bewohnten Insel stranden 40 Schiffbrüchige. Was passiert mit den Lebensmittelpreisen?
3. Auf die Produktion von Autos wird eine Steuer
erhoben von Fr. 1000.- pro Auto. Was passiert mit den Autopreisen? Zeichnen Sie
eine Grafik.
4. Alle Autoproduzenten müssen Fr. 1 Mio. mehr
Steuern bezahlen, unabhängig von ihrer Produktionsmenge.
Was passiert mit den Autopreisen? Was
passiert mit der Anzahl Autoproduzenten?
5. Die Bundesverwaltung überlegt, ob sie eine
Schwerverkehrsabgabe - welche den Schwerverkehr eindämmen soll - pro Fahrzeug
oder pro gefahrenen Lastwagen-Kilometer erheben soll. Was empfehlen Sie?
Die Antworten auf diese und viele
weitere Fragen sind im Buch abgedruckt.